Wir kennen sie alle, die allseits
bekannten Mythen, die gerade Anfänger immer wieder verunsichern. Es ist und
bleibt nun mal eine Tatsache: Wer nicht das nötige Hintergrundwissen hat wird
sich immer auf die Meinung anderer verlassen müssen.
Einer der gängigsten Mythen im
Fitnessbereich ist sicherlich die grundsätzliche Überlegenheit von freiem
Krafttraining im Vergleich zum maschinengestützten Training.
Als Trainer wird man häufig gefragt,
welche der beiden Trainingsmethoden einen größeren Effekt mit sich bringt und
vor allem für den gezielten Muskelaufbau besser geeignet ist.
In diesem Artikel möchte ich beide
Methoden gegenüberstellen und sowohl die Pro als auch Contra Seite für euch
beleuchten.
Das Gerätetraining
Grundsätzlich kann man nicht alle Maschinen über
einen Kamm scheren. Die Fitnessindustrie hat sich in den letzten Jahren sehr
stark entwickelt und die Geräte gemäß den Wünschen ihrer Kunden angepasst.
Während man früher oft noch selbst Hand anlegen
musste und neben der Einstellung des Gewichts noch zusätzlich Sitzhöhe, Winkel
und Bewegungsradius anpassen musste, gibt es heute ausgereifte,
chipkartenbasierte Systeme, die nach einmaliger Einweisung des Trainers alles
von selbst erledigen.
Hinsetzen, Karte reinschieben, warten bis das Gerät
sich eingestellt hat, Start drücken und trainieren bis der Timer stoppt.
Das ist keine Zukunftsmusik, sondern jetzt schon in
vielen qualifizierten Fitnessstudios wiederzufinden. Das Problem ist, dass
viele aufgrund ihrer Discountermitgliedschaft nie in den Genuss eines solchen
Trainings kommen.
Trainieren muss man zwar immer noch selbst, aber es
ist wesentlich zeitsparender und noch sicherer. Nicht zuletzt, weil gerade in
Premiumclubs, wo man solche Trainingssysteme vorwiegend wiederfindet, die
Trainer von ihren Vorgesetzten aufgefordert werden nach ihren Schützlingen zu
gucken – ich spreche da aus eigener Erfahrung!
Doch egal ob chipkartengesteuert oder nicht bleibt
festzuhalten: Das Training an Geräten ist sehr einfach
umzusetzen und schnell erlernt. Meist benötigt es eine einmalige Erklärung des
Trainingsgeräts bis es vom Kunden verstanden ist.
Sicherer
auch, weil der Bewegungsablauf und –radius vorher festgelegt werden kann.
Falsche Ausweichbewegungen, wie z.B. die Überstreckung bestimmter Muskelgruppen
und Fehlbelastungen der Gelenke, werden auf ein Minimum reduziert.
Das
bedeutet zwar eine Einschränkung des Bewegungsumfangs, doch das ist ein sehr
geringer Preis für ein möglichst verletzungsfreies Training.
Ein
weiterer Vorteil der gerade Anfängern zugute kommt ist die Isolation des
Muskels. Durch die geführte Bewegung werden weniger Stützmuskeln aktiviert, was
einen größeren Fokus auf die zu trainierenden Muskelgruppen legen lässt.
Anfängern fällt es erfahrungsgemäß beim Training mit freien Gewichten oft sehr schwer,
komplexe Bewegungsabläufe zu koordinieren UND gleichzeitig den Muskel gezielt
zu aktivieren. Im Sinne der Bewegungs- und Technikschulung also ein optimaler
Einstieg. Es können schnell erste Erfolge, sowohl vom Kraft- als auch vom Muskelzuwachs, verzeichnet werden.
Die
genaue Führung der Bewegung kann auch im Falle von bereits vorhandenen
Verletzungen sehr effektiv sein. Man kann gezielte Muskelgruppen stärken,
während man andere eher entlastet. Einer der Gründe warum viele Reha-Zentren
gerätegestütztes Training in der medizinischen Trainingstherapie anwenden.
Kann
also nicht schlecht sein oder?
Natürlich
gibt es auch noch die andere Seite. Man muss ganz klar sagen, dass nicht alle
Studios so gut ausgestattet sind, wie man es sich vielleicht wünschen würde. An
dieser Stelle bieten die Discounter oftmals einen klaren Vorteil. Die große
Geräteauswahl lässt in den meisten Fällen absolut keine Wünsche offen. Man
findet fast immer ein Gerät für die gewünschte Muskelpartie – ob dieses Gerät
dann zur Verfügung steht oder gerade besetzt ist, ist ein anderer Punkt.
Ein
weiterer Aspekt, den ich persönlich als Nachteil empfinde, ist die ungünstige
Kraftverteilung. Man wird an Maschinen immer etwas mehr mit dem stärkeren Arm
oder Bein arbeiten, um das Gewicht zu bewegen. Die wenigsten Geräte bieten
unilaterale (einseitige) Bewegungen an, um dieses Defizit auszugleichen. So
werden vorhandene Dysbalancen nicht aus dem Weg geräumt, sondern teilweise
verstärkt.
Vielleicht
hat der ein oder andere sehr große, oder auch sehr kleine Mensch die Erfahrung
gemacht, dass die individuelle Größe bei einigen Geräten zu Problemen führen
kann. Die richtige Einstellung und Anpassung an die individuelle Größe ist die
Grundvoraussetzung, um die Geräte optimal nutzen zu können. Es gibt natürlich
feste Drehachsen an jeder Maschine und diese müssen entsprechend an die
körpereigenen Drehachsen ausgerichtet werden. Ist dies nicht möglich, weil die
Extremitäten zu lang oder zu kurz sind, hat man leider ein Problem.
Freies
Training mit Gewichten
Nicht
wenige alteingesessene Kraftsportler bezeichnen freie Übungen als „Brot und
Butter“ eines erfolgreichen Trainings. Durch die stärkere Aktivierung der
Stützmuskulatur und der Komplexität der Bewegung, wird ihrer Meinung nach ein
größerer Hypertrophie- (Muskelaufbau-)reiz gesetzt. Doch stimmt das auch?
Freie
Übungen erfordern ohne Frage ein Höchstmaß an koordinativen Fähigkeiten. Nicht
nur der muskuläre Reiz ist hier besonders groß, sondern auch der neuronale. Die Aktivierung mehrerer Muskelgruppen führt dazu, dass die
Ansteuerungsmechanismen innerhalb der Muskulatur verbessert werden. Man stelle
sich einmal die Kniebeugeübung vor und was alles während einer einzigen Wiederholung
berücksichtigt werden muss.
Die
Stange wird auf dem Nacken ausbalanciert, die Rumpfmuskulatur fest angespannt,
der Rücken gerade gehalten, das Gesäß angespannt und nach unten gebracht,
während die Oberschenkel gebeugt werden – und das ist die Kurzversion.
Dieses
Zusammenspiel stellt eine große Herausforderung für den Körper dar, welche erst
einmal bewältigt werden muss. Dafür ist der Anpassungsmechanismus wesentlich
größer.
Mein
absolutes Pro Argument ist aber ein anderes. Durch die Komplexität der Bewegung
und den natürlichen Bewegungsabläufen der Übungen, ist
die Übertragbarkeit auf den Alltag um ein vielfaches größer, als beim reinen
Maschinentraining. Kreuzheben z.B. simuliert das rückengerechte Aufheben eines schweren Objekts vom Boden, wie keine andere Übung.
Nennt
mir eine Alltagsbewegung bei der ihr sitzt und gleichzeitig viel Gewicht, mit
aller Kraft RUNTERrzieht, wie z.B. beim Latziehen. War es nicht eher so, dass
wir uns im Kindesalter an Mauern HOCHgezogen haben? Nur ein Beispiel von
vielen.
Die
Variations- und Einsatzmöglichkeiten bei freien Übungen sind grenzenlos und
vielseitig einsetzbar – egal ob im Alltag oder sportspezifisch. Oftmals reicht
bereits das eigene Körpergewicht aus um ein effektives Training zu
absolvieren.
Natürlich darf man nicht vergessen, dass das freie Training mit Sicherheit wesentlich
aufwendiger ist als das Maschinentraining. Das Erlernen der richtigen Technik
ist häufig ein langes Unterfangen. Zu oft beobachte ich während meines eigenen
Trainings halsbrecherische Techniken. In dem Falle verstärkt von männlichen
Jugendlichen die mir nichts anderes übrig lassen, als mein Training kurz zu unterbrechen und einzugreifen. Übrigens
sehe ich dieses Phänomen sehr oft in Discountern, wo die Trainer eher die
Aufgabe haben ihre Mitglieder zu unterhalten als zu korrigieren. Fakt!
Was
würdest du empfehlen?
Ihr
werdet an dieser Stelle keine klare JA oder NEIN Antwort von mir bekommen, denn
beide haben ihre Daseinsberechtigung.
Anfängern
die noch nie mit Krafttraining zu tun hatten und Wiedereinsteigern empfehle ich
gerne den Einstieg mit Maschinen. Auch Menschen die wenig Zeit für ihr Training
haben, finde darin eine zeitsparende Alternative.
Neueinsteiger
erlernen auf diese Weise schnell den Umgang mit Zusatzgewichten und bekommen
einen Einblick in die komplexeren Bewegungsabläufe. Ich empfehle jedoch, nach
kurzer Zeit auch mit freien Übungen zu beginnen.
Maschinen
wie z.B. Seilzüge, stellen hier eine Alternative zwischen freiem Training und
Gerätetraining da, weil sie eine größere Bewegungsfreiheit bieten und damit
auch oft mehrere Muskelgruppen neben der eigentlichen Übungsmuskelgruppe
aktivieren.
Aber auch Fortgeschrittene können vom Maschinentraining profitieren.
Bei ihnen eignet sich der Einsatz besonders, um gezielte Isolationsübungen
durchzuführen und den Muskel gut fokussieren zu können. Als Ergänzung zum freiem
Training mit Sicherheit nicht verkehrt.
In der Tat ist der Muskelaufbaureiz bei
fortgeschrittenen Kraftsportlern durch ein
Training mit freien Gewichten größer (wissenschaftlich abgesichert!). Das bedeutet
aber nicht, dass durch ein Gerätetraining kein Zuwachs möglich ist. Hier gibt
es nur eine nicht ganz eindeutige Studienlage. Sicher ist jedoch, dass wegen der insgesamt größeren Muskelaktivität
und Kraftsteigerung, gegenüber dem Training an Geräten, der Muskelreiz größer
ausfällt.
Bei sehr hohen Gewichten oder
fehlenden Trainingspartner, kann ein Maschinentraining aus Sicherheitsgründen für
fortgeschrittene Sportler eine sehr willkommene Hilfe und Abwechslung zugleich sein.
Interessant ist an dieser Stelle, dass Studien bei Anfängern KEINEN SIGNIFIKANTEN UNTERSCHIED bezüglich Kraft- und Muskelzuwachs feststellten konnten, solange
das Training intensiv und eine progressive Belastungssteigerung stattgefunden
hat!
Euer
Coach
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